Der erste Arbeitstag: 1983
1. Juni 2009 at 22:32 1 Kommentar
Es war der 1. August 1983, ein Montag. Die Sonne brannte vom Himmel, als wollte sie mich auslachen: ich musste das erste mal in meinem Leben in einem Anzug in die S-Bahn steigen. Es war die Hölle. Ich fühlte mich, als hätte ich ein Clownskostüm an: alle starrten mich in der S-Bahn an, einige kicherten und tuschelten hinter meinem Rücken. Von alten Omis erhielt ich mitleidige Blicke.
In Wirklichkeit hat mich sicher gar keine beachtet, aber ich fühlte mich so unwohl in den Klamotten und außerdem war es super heiß. Ich meinte also wohl nur, von allen beobachtet zu werden: eine 16 jährige Wurst, ein Würstchen, auf dem Weg zur Arbeit… In meiner Erinnerung waren mindestens 30 Grad im Schatten. Wie warm es wirklich war, weiß ich heute nicht mehr.
So kam ich also rechtzeitig mit den anderen Azubis im “Ausbildungszentrum”, oberstes Stockwerk in der Zentrale der Macht, an. 13. Stock oder so, keine Ahnung. In einem großen Raum sammelten sich alle meine Mitstreiter und da war klar: ich habe einen Fehler gemacht. Ich kam mir vor, wie ein Rocker, der sich in der Tür vertan hat und statt auf einem Heavy Metal Konzert plötzlich bei Roger Whitaker gelandet ist: gelackte Typen, die ihr Leben lang geil darauf waren, endlich mal einen Anzug von Mutti und Vati zu bekommen, um damit stolz durch die Gegend zu laufen. Ich hätte schreiend rauslaufen können. In ersten schüchternen Gesprächen stellte sich dann raus: die Jungs und Mädels waren richtig heiß auf die Lehre und freuten sich schon darauf, viel zu lernen und bald zur Berufsschule zu gehen. Wie scheiße ! Ich wollte ja nur aus der Schule raus, um Geld zu verdienen. Von Spass war gar nicht die Rede. Und lernen: okay, aber gern ?
Es war also klar: aus der Nummer komme ich nicht mehr raus: Lehrstelle bekommen, jetzt musste ich da durch. Was sollte ich auch anderes tun ?
Nach einer Woche Einführungsseminar und der Erkenntnis, dass ich hier nie Freunde fürs Leben gewinnen werde, ging es auf die Zweigstelle. Dort waren lauter nette Menschen und ein Innenleiter (so was gab es damals bei den Banken; der Innenleiter ist für den ordnungsgemäßen Ablauf interner Vorgänge verantwortlich. Nimmt die Kasse auf sorgt dafür, dass das Toilettenpapier immer aufgefüllt ist. So war es zumindest damals).
Der Innenleiter, das sollte ich schnell erfahren, war ein echtes Arschloch. In der Zweigstelle arbeitete eine leicht behinderte alte Dame, die sehr freundlich, aber eben etwas langsam war. DIE musste sich was anhören. Ich als kleiner Azubi hatte mich da nicht einzumischen, aber auch die anderen sagten nichts. Ich wurde die erste Woche noch verschont, aber dann hatte der Innenleiternazi ein neues Opfer: mich. Bei jeder Gelegenheit wurde ich darüber informiert, dass ich in der Nahrungskette GANZ unten stehe und sowieso alles falsch mache. Ich bin nicht sehr abergläubisch, aber ich habe den Typen damals, in meinem ersten Lehrjahr wirklich verflucht. Einige Jahre später traf ich ihn dann zufällig in der Zentrale wieder: ich hatte schon fix Karriere gemacht und er durfte Geld bestellen für die Zentralkasse. Als er mich sah, machte er einen Bückling, weil er wusste, dass ich es geschafft hatte und deutlich mehr verdiente als er, der als arme Wurst im Keller einer Bank seine letzten Jahre bis zur Pensionierung fristen muss. Ob es an meinen Flüchen gelegen hat? Wer weiss das schon. Aber: es war für mich keine Genugtuung, der Typ tat mir dann doch etwas leid.
Genauso erging es übrigens einem meiner nächsten Chefs: er ließ mich gern mal eine oder eineinhalb Stunden vor seinem Büro warten. Nicht, weil er soviel zu tun hatte, sondern weil er seine Macht demonstrieren wollte. Nicht nur bei mir, er ging auch mit anderen Untergebenen so um. Auch er landete als jämmerliche Wurst in einer scheiss-Abteilung, weil man ihn aus der Personalabteilung, in der er tätig war, rausgeschmissen hat.
Da war für mich klar: jeder bekommt das, was er verdient. Der eine früher, der andere später. Aber irgendwie scheint es Gerechtigkeit zu geben. Ich zumindest glaube daran.
Ich schweife ab: also in der Bank waren viele Typen,die es toll fanden, Anzüge zu tragen und anderen Menschen, bevorzugt Chefs oder Kunden, in den Hintern zu kriechen. Ich fand das immer doof und hab es auch immer gesagt. Hat aber auch nichts genützt, irgendwie mochten mich doch fast alle und so machte ich in der Bank, in der ich meine Lehre gemacht habe, eine nicht überragende, aber doch ganz gute Karriere. Mit 30 war ich Prokurist und verdiente gutes Geld. Für einen Realschüler gar nicht so schlecht.
Das Arbeiten mit Kunden gefiel mir all die Jahre sehr gut und ich meine, in meinem Job auch ganz gut gewesen zu sein. Ich bekam dann irgendwann Personalverantwortung – das machte mir auch Spaß. Ich hatte 15 Leute, die mir an den Lippen zu hängen hatten. Wir kamen gut miteinander aus und ich bin sicher, alle dort hatten schon schlechtere Chefs.
In der Zeit, ich war inzwischen schon 16 Jahre in dem Verein, wollte mich mein damaliger Chef dazu zwingen, einen Kreditvertrag zu unterschreiben, der a) den damals gültigen internen Regeln und b) einigen gesetzlichen Vorschriften nicht gerecht wurde. Ausserdem war der potentielle Kreditnehmer ein Idiot und ich hätte mir lieber die Hand abgehackt, als den Kredit zu genehmigen. So kam es am Telefon zum Showdown (leider gab es somit keine Zeugen, die hätte ich gut gebrauchen können): ich sagte meinem Chef, ich würde den Vertrag ums verrecken nicht unterschreiben, solle er das doch bitte selbst machen. Wutanfall, Gebrüll, ich solle mir einen neuen Job suchen. Ich legte einfach auf. Und suchte mir einen neuen Job.
Mein damaliger Chef wird sich aber sicher noch heute an das Gespräch und die Folgen erinnern. Warum, schreibe ich beim nächsten mal. Soviel vorab: ich hatte keine Chance, ihn zu verklagen oder Geld zu fordern. Aus heutiger Sicht hätte ich es unbedingt versuchen sollen, aber ich war zu anständig und meinem Arbeitgeber auch noch moralisch sehr verpflichtet. Schade.
Meine Genugtuung erhielt ich später….
Fortsetzung folgt…
Eintrag abgelegt unter Job. Tags: Arbeit, Bank, Job, Karriere, Lehre.
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1.
indescribablex | 2. Juni 2009 um 06:03
Auf diese Fortsetzung bzw. die Genugtuung bin ich jetzt aber sehr gespannt!